»Automobil Industrie« 11-2003 / Interview

Die Prozess-Manager

Nach dem Verkauf der IVM Automotive positioniert sich die neue MVI Group mit einem veränderten Leistungsprofil. Geschäftsführer Rainer Kurek setzt auf Prozess-Management als Dienstleistung.

Herr Kurek, die Anfang 2003 gegründete MVI Group ging aus der ehemaligen IVM Engineering Gruppe hervor. Warum wurden die deutschen Entwicklungsaktivitäten der IVM Automotive überhaupt verkauft? Sie waren doch gut im Geschäft?

Wir waren sogar sehr gut im Geschäft. 2001 erzielten wir den mit Abstand höchsten Auftragseingang in der Unternehmensgeschichte. Allerdings wuchsen mit den Akquisitionserfolgen auch die finanziellen Vorleistungen. Nach den bekannten Ereignissen am Neuen Markt ist es zunehmend schwieriger geworden, Banken zu finden, die bereit sind, das Risiko für die erforderliche Projektfinanzierung zu tragen.

Welche Risiken meinen Sie?

Das Risiko für Entwicklungsdienstleister liegt heute vor allem in der Vorfinanzierung großvolumiger Projekte, die zwischen 10 und 100 Mio. Euro ausmachen können. Hinzu kommt, dass Unternehmen der klassischen Entwicklungsdienstleistung zunehmend Geschäft an Systemlieferanten verlieren.

Sie hatten also die heutige Entwicklung im Engineering-Markt vorausgesehen?

Ja. Für uns war schon vor Jahren abzusehen, dass es in der klassischen Entwicklungsdienstleistung schwieriger werden würde, nachhaltig erfolgreich zu sein. Diesen Zusammenhang habe ich bereits in meinem Buch "Gewinner von morgen handeln heute" beschrieben, das vor eineinhalb Jahren erschienen ist. Die aktuellen Überkapazitäten im Markt zeigen sich überwiegend dort, wo Entwicklungsdienstleister kein klares und scharfes Leistungs- und Kompetenzprofil aufweisen. Hier findet derzeit eine erkennbare Konsolidierung statt und ein Abbau der Kapazitäten. Spezialisten in der Branche wie Motorenentwickler oder Elektronikexperten werden hingegen zunehmend gesucht und wachsen weiter.

Die MVI Group bezeichnet sich selbst als "Dienstleister neuer Prägung". Was meinen Sie damit konkret?

Wir meinen damit die ergebnisorientierte Verknüpfung unseres fachlichen Engineering-Know-hows mit den methodischen Fähigkeiten aus der klassischen Unternehmensberatung. Die intelligente Verknüpfung beider Kompetenzen ist erforderlich, um als Dienstleister für Automobilhersteller und Zulieferer die Entwicklungsprozesse effizient gestalten und wirksam managen zu können. Für diese Funktion des neutralen Prozess- und Projektmanagers, der die Produktentstehung in komplexen Netzwerken koordiniert, sehen wir einen enormen Bedarf im Markt.

Projektmanagement leisten andere Unternehmen doch auch. Was machen Sie anders?

Gutes und richtiges Projektmanagement mit fundiertem Know-how über den gesamten Produktentstehungsprozess hinweg beherrschen heute nur die wenigsten. Effiziente Prozesse setzen sowohl Produktkompetenz als auch Kompetenz in der Produktionsplanung voraus. Die MVI Group verfügt über beide Fähigkeiten. Wenn wir über Prozesse bis zum SOP sprechen, dann wissen wir sehr genau, wovon wir reden. Wer diese Zusammenhänge nicht wirklich versteht, läuft schnell Gefahr, bei den engen Zeit- und Kostenplänen Termine zu überziehen und hohe Verluste zu riskieren.

Worauf kommt es dann an?

Unter anderem kommt es darauf an, wirksame Methoden, Werkzeuge und Instrumente projektspezifisch so zu entwickeln und zu konfigurieren, dass Projekte effektiver und effizienter realisiert werden können. Es gilt Prozessabläufe kundenspezifisch zu optimieren und individuelle Strukturen zu schaffen. Ein Projekt bei VW beispielsweise läuft anders ab als bei DaimlerChrysler.

Und wie reagiert der Markt auf Ihr neues Angebot?

Die Resonanz am Markt hat unsere Erwartungen weit übertroffen. Die positive Resonanz erhalten wir nicht nur von den Automobilherstellern und Systemlieferanten, sondern auch aus Kreisen unserer früheren Mitbewerber.

Warum sollen ausgerechnet die Entwicklungsdienstleister Beifall klatschen?

Nach dem Verkauf der deutschen IVM Automotive sind wir heute kein Mitbewerber mehr im Entwicklungsgeschäft. Wir sind als neutraler Partner und Prozess-Manager nun viel besser in der Lage, in den Projekten zwischen OEM, Entwicklungsdienstleister und Lieferanten steuernd einzugreifen. Auf Grund unserer Erfahrungen kennen wir die Probleme in diesem Dreiecksverhältnis und können praktikable Lösungen anbieten. Nur im Ausland unterhalten wir klassische Engineering-Ressourcen. Das ist wichtig, um weiterhin konkretes Entwicklungs-Know-how in der Fahrzeugentwicklung aufrecht zu erhalten und in Emerging Regions wie dem brasilianischen Markt präsent zu sein.

Das Interview führte Bernhard Rose